Homo communis - wir für alle

Nachruf auf Silke Helfrich 1967-2021

Ab 2016 planten wir, d.h. Gerardo Milsztein (Kameramann) und ich (Filmemacherin), einen Film über Menschen zu machen, die den Mut haben ihre Visionen von Kooperation und Teilen zu leben – jenseits der üblichen Markt- und Staatsstrukturen.

Bei den Recherchen zum Film stieß ich schnell auf Silke und Davis Bolliers Buch „Commons – jenseits von Staat und Markt.“ Das wirkte wie eine Art Bewusstseins-Flash. Da hatten Menschen beschrieben und gesammelt, wonach ich suchte, aber nicht in der Lage gewesen war, es strukturiert zu denken, geschweige denn in Worte zu fassen. Das Buch wirkte wie ein innerer und gleichzeitig praktischer Richtungsweiser in dem weiten Feld der Suche nach gemeinschaftlich aufgestellten Initiativen/Aktivitäten.

Ich rief Silke an und erlebte vom ersten Moment an Zugewandtheit, Verbindlichkeit und Wärme – obwohl wir uns nicht kannten – und Inspiration und die beste Idee für eine ausführliche Filmgeschichte, die beispielhaft das, was gelebte „Commons“ zum Nutzen von zigtausenden Menschen schaffen können, versinnbildlicht: der riesige Kooperativenverbund Cecosesola in Venezuela mit seine 23.000 Mitglieder, der viel Daseinsvorsorge abdeckt, vom Beerdigungsdienst bis zur natürlichen Geburt, Gesundheitsversorgung, Versorgung mit Lebensmitteln in riesigen Märkten, ein Kreditsystem, hierarchiefrei und selbstbestimmt organisiert und das in einem Land in dem viel Lebenswichtiges nicht mehr funktioniert.

Wir trafen uns im IASS in Potsdam persönlich, als du an „Frei, fair und lebendig“ gearbeitet hast. Der Kontakt vertiefte sich und du willigtest eine Zeitlang später zu ein Interview für unseren Film zu geben.
Das Interview, in Bochum, anlässlich einer deiner Lesevorträge, geführt, dauerte eineinhalb Stunden und ist so gehaltvoll und reich an Gedanken und deren Verknüpfungen. Im Film findet nur ein Bruchteil davon Platz.
Silke ließ uns mit der Kamera bei einem von ihr in Neudenau organisierten „DEEP DIVE“ zu, einem international besetzen Treffen von Commons-ExpertInnen. Wir empfanden es als Vertrauensbeweis. Die Teilnehmenden aus aller Welt sponnen gemeinsam an einem Wechsel der ontologischen Sicht, einem „Denknetz“, wie Silke es nannte. Mit dabei waren u.a.:
David Bollier, Commons Experte und Mit-Autor der Commons-Bücher, 
Mariteuw Chimère Diaw, Anthropologe und Direktor African Model Forests Network 
Prof.Dr. Mark Lawrence, wissenschaftlicher Leiter und Dr. Thomas Bruhn, Physiker vom IASS
Nicole Dewandre, EU Kommission und Politikwissenschaftlerin
Ferananda Ibara, Mitdenkerin der Holochain
Auf der Metaebene entstand hier das gedankliche Skelett für unsere Filmarbeit.
Immer wieder gab es konstruktiven Austausch, Diskurse, auch Reibung, die immer beziehungswahrend blieb und unsere Arbeit bereicherte und voranbrachte.
Im Raum zwischen Arbeitsprojekt und persönlicher Entwicklung waren wir uns völlig einig: Es gibt keine Trennung zwischen persönlicher Entwicklung und Arbeit, das alles ist wertvolle Lebenszeit.

Das letzte Mal, dass wir uns sahen, war bei der Premiere unseres Film „Homo communis“ im Sommer, der auch durch dein engagiertes Mittun entstehen konnte.

Silke, du standest auf der Bühne nach der Vorführung uns sprachst über die Fähigkeit und Wirkkraft der Myzele – das ist die Gesamtheit aller fadenförmigen Zellen eines Pilzes oder Bakteriums, ein intelligentes, unterirdisches Kommunikations- und Versorgungsnetz spinnend, dass allen Pflanzen und Bäumen zugute kommt. Man nennt es auch das Wood Wide Web. Pilzmyzele können eine Größe von über einem Quadratkilometer, eine riesige biologische Masse und ein hohes Alter erreichen – Resilienz. Da können wir lernen und das hast du uns nahegebracht.

Wärme, Großzügigkeit, Lebendigkeit, Inspiration, großes Wissen, immer gepaart und verbunden mit Lebenserfahrung und deshalb nicht abgehoben, getrennt oder abstrakt, hast du gegeben. Ich werde immer weiter davon zehren, was du in mir in Bewegung gesetzt hast.
Diese Myzele breiten sich aus und wachsen, schließen weitere Lebewesen ein, ohne Anfang und ohne Ende. Kostbar, zart und zerbrechlich einerseits, dennoch kraftvoll, unaufhaltsam, das Leben selbst.
 
Carmen Eckhardt, SeeMoreFilm

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